Der komplizierte Umgang mit den Details
  09.11.2020 •     TSV Schmiden

Foto: Patricia Sigerist
Aufgrund der verschärften Corona-Lage bleibt in diesem November lediglich noch ein bisschen Sport übrig. Doch was genau übrig bleiben darf, ist für die Beteiligten mitunter nicht leicht zu ergründen.

Zu allem, was gerade sonst noch ist, hat sich Susanne Widmann-Klein vor wenigen Tagen am linken Knie verletzt. Die 53-Jährige hat sich eine Kreuzbandteilruptur zugezogen und trägt jetzt für eine Weile eine Schiene am Bein. Passiert ist das – natürlich – in einer der ungezählten Übungseinheiten mit ihren Schützlingen. Ein Spiel zum Warmmachen endete für Susanne Widmann-Klein abrupt. So etwas kann die Leichtathletik-Trainerin des TSV Schmiden mit dem ausgeprägten Tatendrang nicht lange aufhalten. Die Verletzung passt irgendwie aber schon ganz gut zur Gesamtsituation, die sie an der Basis gerade erleben und bewältigen muss. Der Sport als solcher ist arg mitgenommen, und seine Verletzung wird nach Lage der Dinge ungleich länger nachwirken als jene, die Susanne Widmann-Klein in Schmiden davongetragen hat.

Der Sportbetrieb ist auf Miniaturformat geschrumpft. Wettkämpfe sind Profis vorbehalten. Ansonsten ist nach den weithin restriktiven November-Anordnungen aufgrund der verschärften Corona-Lage hier und da noch ein bisschen Training übrig. Doch was genau übrig bleiben darf, ist mitunter nicht leicht zu ergründen. Wie kompliziert der Umgang mit den Details ist, beispielhaft bei der Suche nach etwas Ausgleich für den Nachwuchs, weiß Susanne Widmann-Klein. Sie muss in diesen Tagen darauf verzichten, das Athletiktraining mit den besten Nachwuchsteams des HSC Schmiden/Oeffingen fortzuführen. Handball ist kein Individualsport, auch wenn die Fitness eine individuelle Angelegenheit ist. Mit den Leichtathleten darf die Trainerin indes im Stadion in Schmiden an Fortschritten arbeiten. Die Sportart erfüllt das Kriterium. Darüber hinaus sind Joshua Stallbaum, Laura Heeger und Niklas Moll im Landeskader, weshalb unter strenger Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln auch die Trainingsgruppe im Stadion sprinten und werfen kann. Die städtischen Hallen sind derweil von Einzelfällen abgesehen bis auf Weiteres für den Vereinssport geschlossen und dem Schulsport vorbehalten. Die vereinseigenen Hallen und Räume dürfen in Teilen – maximal zu zweit – genutzt werden. Und alle Beteiligten mühen sich darum, den Überblick zu behalten und den generell misslichen Umständen das noch Beste abzugewinnen. „Ich gehöre zu den Ehrenamtlichen, die jetzt irgendwie versuchen, den Sport am Leben zu erhalten“, sagt Susanne Widmann-Klein.

Auch für Rolf Budelmann, den Geschäftsführer des TSV Schmiden, ist dieses Unterfangen zuweilen eher verdrießlich. Bei den etwa 90 000 Sportvereinen in Deutschland – mit rund 27 Millionen Mitgliedern – haben Haupt- und Ehrenamtliche seit dem Ausbruch der Pandemie im ersten Viertel des Jahres ohne Unterlass Pläne aufgestellt und oft rasch wieder verwerfen müssen. Die Rahmenbedingungen verändern sich mitunter fließend, zumal die Vorgaben der Landesregierung zumeist Interpretationsspielraum lassen. „Allein in den vergangenen paar Tagen haben wir mehrere Konzepte in den Mülleimer geworfen“, sagt Rolf Budelmann.

Seit dem 2. November sind die neuen Corona-Bestimmungen in Kraft, die den Sport massiv einschränken. Große Fitnesseinrichtungen wie jene des TSV Schmiden (Activity) oder SV Fellbach (Loop) dürfen ihr Areal etwa nicht in räumlich getrennte Sektionen aufteilen. So ergibt der Betrieb – für stets bloß zwei Leute – keinen Sinn; lediglich die Reha-Kurse, medizinisch notwendig, laufen mit Erlaubnis der Behörden weiter. „Wir sprechen da bei uns von 5000 Quadratmetern“, sagt Rolf Budelmann. „Ich hätte mir einen etwas fantasievolleren Umgang mit der Situation gewünscht.“ Denn wie für andere Anbieter in der Fitnessbranche ist die neuerliche Zwangspause für die Vereine kaum zu verkraften. Längst haben sie Mitglieder eingebüßt. Auch nun werden – ohne das gewohnte Angebot – Kündigungen nicht ausbleiben. Die wenigen Ausnahmen in puncto Spitzensport – auch die Gymnastinnen des Bundesstützpunkts in Schmiden müssen nicht zu Hause bleiben – und Individualsport können daran nichts ändern. Personaltraining etwa darf stattfinden und soll wie längst schon das Online-Programm – der TSV Schmiden bietet exemplarisch dafür am Sonntag um 12 Uhr ein Live-Koch-Event an – nicht nur beim SV Fellbach „ausgebaut werden“, so die Loop-Leiterin Susan Bense. Tischtennis, Tischfußball oder Turnen sind etwa beim TSV Schmiden gestattet. Tennis ist auch unter Hallendächern erlaubt. Alles allerdings unter gewissen Voraussetzungen. Nur zwei dürfen sich in einem Raum aufhalten, also kann auch in einer Zweifeldhalle lediglich ein Platz genutzt werden.

„Das muss man alles nicht haben. Ich hoffe, dass es auf den November begrenzt sein wird“, sagt Rolf Budelmann. Damit auch der Sport noch eine Chance hat, seine Verletzungen wieder auszukurieren.

erstellt von Fellbacher Zeitung | Thomas Rennet